Geschichte der Roten Jäger

Rote Jäger der Brigade immer dicht am Ball

Fallschirmjäger in Fußballschuhen

Das gab  es bei der Bundeswehr nur in der Luftlandebrigade 26: Eine Mannschaft, die über  viele Jahre hinweg deutsche Fußballgeschichte mitgeschrieben hat. Die "Roten Jäger"  der Stabskompanie traten die Nachfolge jener berühmten Soldaten-  Elf  aus dem  Zweiten Weltkrieg an, zu der der spätere Weltmeister Fritz Walter gehörte.    Walter, durch den WM-Erfolg 1954 in der Schweiz zum Volkshelden der Nachkriegsdeutschen   geworden,  ist Ehrenspielführer der "Roten Jäger". Zu der Fallschirmjäger - Mannschaft gehörten so berühmte Kicker wie die Nationalspieler Felix Magath (HSV), Wolfgang Seel (Fortuna Düsseldorf) oder Heinz Simmet (1. FC Köln). Auch Andreas Brehme von den Roten Teufeln vom Betzenberg kickte im Fallschirmjäger-Team.

Neugegründet wurden die "Roten Jäger" mit dem Brigadewappen auf dem Trikot, als die Luftlandebrigade 26 in Zweibrücken stationiert war. Kompaniechef Hauptmann Leo Rayer hatte die Idee dazu - eine "geniale PR-Aktion für die Bundeswehr", würde man heute sagen - und setzte sie gegen viele Widerstände durch. Am 21. Mai 1965 fungierten Fritz Walter und Box-Europameister Karl Mildenberger als Taufpaten der neuen "Roten Jäger". "Mit einem Auftaktspiel gegen den Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern, in dessen Reihen damals noch WM-Stopper Liebrich spielte, erfolgte auf dem TSC-Sportplatz am Wattweiler Berg die Wiederaufnahme des Spielbetriebs", weiß der Journalist Walter Rinner zu berichten, ein langjähriger treuer Wegbegleiter der Roten Jäger. "Die neugebildete und von Hauptmann Rayer trainierte und betreute Elf erspielte sich auf Anhieb die Sympathien der Zuschauer, als nach packendem Verlauf  der Bundesligist, mit drei Ausnahmen in Bestbesetzung, mit 2:0 besiegt wurde. Mittelstürmer Jürgen Wingert vom Ludwigshafener SC erzielte beide Treffer."

Einmal, im Juni 1966, spielte der damals 45jährige Fritz Walter sogar selbst im Trikot der Fallschirmjäger-Elf. In Cölbe bei Marburg wurde der Hessenliga-Verein SV Petersberg unter Walters Mithilfe mit 4:1 geschlagen. Aber auch gegen größere Namen bewährten sich die Kicker mit Truppenausweis: 3:1 gegen den VfB Stuttgart, 4:1 gegen Rot-Weiß Essen oder 3:4 gegen die Bayern (mit einem staunenden Franz Beckenbauer), so lauteten einige der Ergebnisse. Vor 35.000 Zuschauern (!) unterlag die Soldatenelf im August 1965 in Pocking/Niederbayern dem TSV 1860 München unglücklich mit 1:2 - damals waren die Sechziger unter Max Merkel immerhin amtierender deutscher Meister. Keine Frage, die Soldaten in Fußballschuhen hätten ohne weiteres in den höchsten Spielklassen mithalten können. "Die Roten Jäger bestätigen meine eigene Erfahrung: Ein fairer Sportler, bekennt er sich zur Notwendigkeit des Wehrdienstes, ist auch ein guter Soldat", hatte Kommandeur Brigadegeneral Herbert Hagenbruck zum 20jährigen Bestehen der Elf im Jahr 1982 festgestellt.

      "Wo die Roten Jäger mit dem Fallschirm auf knallrotem Dreß auftauchten, da brauchte um das Image der Bundeswehr nicht gezittert werden. Es gab nur Pro-, keine Kontra-Demonstrationen. Beispielhafte Öffentlichkeitsarbeit, in Szene gesetzt von fußballbesessenen Offizieren", erinnert sich Wolfgang Weber, heute Redakteur der Saarbrücker Zeitung, seinerzeit Gefreiter in der Stabskompanie, der die Historie der Soldaten-Kicker dokumentierte. "Schon damals weitgehend aus Vertrags- und Lizenzspielern renommierter Vereine aus dem südwestdeutschen Raum gebildet, trugen die Spieler ihre Uniform wie jeder andere Rekrut, wurden in der Grundausbildung nicht geschont, mußten die Nasen in den Dreck stecken wie Tausende andere vor und nach ihnen." Erst in der Stabskompanie hätten die Fußballer gewisse Privilegien bekommen, wie einen freien Nachmittag für das Training beim Stammverein. Anderen Quellen zufolge waren die Kicker auch von Sonderdiensten wie Wache oder GvD (Gefreiter vom Dienst) ausgenommen, was später zurückgenommen wurde. Es hatte immer wieder für Ärger gesorgt, weil die Stabskompanie in erster Linie ihrem militärischen Auftrag nachkommen mußte.

Der spätere Bundestrainer Jupp Derwall, zu dieser Zeit Verbandstrainer des Saarländischen Fußballverbandes, schulte die Roten Jäger in der Sportschule Saarbrücken in Ballbehandlung, Taktik und Technik und absolvierten die Ausbildung zum Trainer mit B-Linzens. Derwall im April 1969: "Ich habe gern mit den Buben gearbeitet."

5000 bis 10.000 Zuschauer waren keine Seltenheit. Oberfeldwebel Dieter Steege, der dem Gründer Rayer als Trainer folgte, wird als einer der "Väter des Erfolges" jener Zeit genannt. "Es herrschte kein Mangel an guten Spielern", wehrt Steege bescheiden jedes Lob ab. 1970 waren die Roten Jäger gar 43 Begegnungen hintereinander unbesiegt geblieben. Sie stellten auch zahlreiche Spieler für die Militär-Nationalmannschaft ab. Und Redakteur a. D. Rinner, auch heute noch für den Pfälzischen Merkur tätig,  weiß zahlreiche Anekdoten aus jener Zeit zu berichten, darunter jene, wie die Mannschaft im Odenwald mit zwölf Mann auf dem Platz gewann. Man hatte (wie unsoldatisch!) die Trikots vergessen; der Gastgeber stellte daher blaue ohne Rückennummern als Ersatz. So spielte zunächst unbemerkt der junge Rekrut und spätere Nationalspieler Wolfgang Seel zusätzlich mit. 6000 Zuschauer hatten ihren Lacherfolg, als die unerlaubte Überzahl endlich auffiel. Apropos Trikots: "Der erste Trikotsatz wurde 1965 in der DDR gefertigt, ganz ohne unser Wissen", berichtete Leo Rayer, später Oberstleutnant und VKK-Kommandeur in Landau/Pfalz.

"Durchschnittlich spielten die Roten Jäger 20mal im Jahr, zusätzlich kamen die Spiele in den Vereinen. Einige Spieler gehörten zu Auswahlmannschaften; und die Vorbereitungsspiele der Vereine zum Saisonanfang belasteten die Roten Jäger zusätzlich", sagt Winfried Balke, zunächst Co-Trainer in Zweibrücken. "Kundige können daraus ableiten: Die körperliche Belastung unserer Männer war sehr groß."

Mit dem Umzug der Brigade nach Saarlouis 1972 war es still um die Roten Jäger geworden. Das lag auch an der neuen Art der Sportlerförderung der Bundeswehr: Durch Gründung von Lehrkompanien und Fördergruppen wurde die Truppe von Spitzensportlern entlastet, womit den Roten Jägern die Stars plötzlich entzogen waren. Ja, die Elf durfte wegen schlechter Leistungen sogar nicht mehr offiziell unter dem Traditionsnamen auftreten. Dem Team der Stabskompanie blieb zwar die Anerkennung als Sportförderkompanie versagt. Aber Hauptmann Hugo Zöller erhielt vom Brigadekommandeur den Auftrag, die Mannschaft entweder aufzulösen oder ihr neues Leben einzuhauchen. Und Zöller entschied sich dafür, "voll zu powern", setzte statt auf Profis auf Spitzen-Amateure. Sportlich maß man sich nun mit Teams der Leistungsklasse etwa der Oberliga des Saarlandes.

"Einmal reizte mich die Aufgabe aus sportlichen Gründen, zum anderen wollte ich mich als passionierter Fußballspieler auf diesem Gebiet engagieren und jungen wehrpflichtigen Sportlern hilfreich zur Seite stehen."

Sonderrechte für seine Fußballer gebe es nicht, betonte Zöller in einem Interview. Sie seien über die gesamte Kompanie verteilt.

Hugo Zöller zur Seite standen der ehrenamtliche Trainer Oberfeldwebel Winfried Balke und Betreuer Feldwebel Manfred Dincher. Mit diesen Männern begann die dritte Blüte der Roten Jäger, deren erste 1943 mit der Gründung der Fußballelf des Jagdgeschwaders 50 Süd Wiesbaden unter Major Hermann Graf begonnen hatte (Trainer war hier übrigens zeitweise kein geringerer als Sepp Herberger).

Der Wechsel in der Kompanieführung zu Hauptmann Fentsch und der sportlichen Betreuung durch die Oberfeldwebel Leger und Lorang fand ohne Reibungsverluste statt, die Leistungsstärke der Mannschaft konnte im Bereich der Amateur-Oberliga gehalten werden. Da es Heeresmeisterschaften ab 1984 nicht mehr gab, maßen sich die Roten Jäger nur noch auf Brigade- und Divisionsebene. Dort blieben sie ihrem guten Ruf weiterhin treu: In ununterbrochener Reihenfolge gewannen sie die Brigade- und Divisionsmeisterschaften von 1982 bis 1988! Die internen saarländischen Begegnungen wurden weiterhin gepflegt. Die Konzentrierung der Roten Jäger in zwei Teileinheiten innerhalb der Kompanie vereinfachte die militärische und sportliche Ausbildung.

1991 allerdings kam, zumindest für das sportliche Aushängeschild der Brigade, das wohl endgültige Aus. Der Kommandeur sah sich gezwungen, wegen der Verkürzung der Wehrpflicht von 15 auf zwölf Monate und der damit verbundenen knapperen Ausbildungszeit mit Wirkung zum 1. Oktober die dienstliche Auflösung der Fußballmannschaft zu befehlen - "Die Roten Jäger als Opfer der Entspannung", schrieb eine Zeitung. Oberst Harff dankte im Tagesbefehl 9/91 ausdrücklich allen aktiven Spielern sowie Betreuern und Trainern: "Sie haben mit ihren sportlichen Erfolgen und ihrer Fairneß als Aushängeschild der Saarland-Brigade gedient."

Die "alten Hasen" Zöller, Balke, Lorang und Geissel fühlten sich nochmals gefordert und bauten die Reservistenkameradschaft Sport auf - unterstützt vom Wallerfanger Bürgermeister Walter Hettinger. Im Campingbistro bei Inhaber Unteroffizier d.R. Dieter Christ wurde der erste Clubraum eingerichtet und Oberfeldwebel Leopold Lorang zum 1. Vorsitzenden gewählt. Die Gemeinschaft wächst ständig und hat inzwischen über 100 Mitglieder. Sie halten die langjährige Tradition der Roten Jäger in ihrer Freizeit auch heute noch hoch.

Die Chronik der Roten Jäger

ohne Kriegsjahre 1943 -  1945

1965 - 1968:

Hauptmann Rayer gründet die Mannschaft aus Spitzenfußballern, die Geburtsstunde der Roten Jäger der Fallschirmjägerbrigade 26, Zweibrücken.

1967:

Brigade- und Divisionsfußballmeister.

1968:

Kompanieübergabe an Hauptmann Neumann, Oberfeldwebel Steege wird mit der Führung der Roten Jäger beauftragt. Stabsunteroffizier Balke wird zur Entlastung Steeges eingesetzt.

1969:

Eine Super-Serie geht zu Ende: 43mal unbesiegt.

1970:

Gründung der Sportförderkompanien entzieht Roten Jägern die Top-Kicker. Auch Felix Magath und Andreas Brehme müssen zur Bundeswehr-Auswahlmannschaft nach Essen-Kupferdreh wechsel.

Hauptmann Küsel neuer Kompaniechef.

1971:

Feldwebel Balke wird Trainer, erster Auftrag: die Heeresmeisterschaften in Hannover (3.Platz).

Brigade und Divisionsmeister. Meister II. Korps.

1972:

Verlegung nach Saarlouis, Eröffnungsspiel gegen eine Auswahl der Saarlouiser Vereine.

Gründung einer gemeinsamen Lehrer- und Soldatenmannschaft.

Balke wird als Funktioner zu den Olympischen Spielen nach München kommandiert. Leutnant Baumann übernimmt für diesen Zeitraum die Roten Jäger.

1975:

Neue Konzeption mit Hauptmann Zöller. Die wehrpflichtigen Kicker kommen fast ausschließlich aus dem Saarland.

1977:

Brigade- und Divisionsmeister

1979:

Korpsmedaille II. Korps für herausragende Leistungen.

Erster "Tag der Roten Jäger" in Saarlouis mit viel Prominenz.

1980:

Brigade- und Divisionsmeisterschaft.

1982:

Hauptmann Zöller und Oberfeldwebel Balke werden versetzt.

Hauptmann Fentsch wird Kompaniechef, Oberfeldwebel Leger Trainer, Oberfeldwebel Lorang Betreuer.

Brigade- und Divisionsmeister.

Rote Jäger Traditionsgemeinschaft - RK Sport
www.rote-jaeger.de